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Aus: Marcel Kalberer / Micky Remann:
Das Weidenbaubuch Die Kunst, lebende Bauwerke zu gestalten Erschienen im
AT Verlag (CH), März 1999 ISBN 3-85502-649-1 Kap. 1. von Micky Remann: |
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UFOs zum Selberpflanzen Auerstedt, Kreis Weimarer Land, Ostersonntag. Eine feuchte Aue am Ortsrand, gleich neben dem Sportplatz des FC Auerstedt, der sich ruhmreich durch die zweite Kreisliga schlägt. Warum, um alles in der Welt, kommt angesichts des festlich eröffneten Auerworldpalasts aus Weidenruten", einem Lebendbau von imposanter Verwunschenheit, niemand auf den naheliegenden Gedanken, die Sache mit ein paar snobistischen Floskeln abzukanzeln, etwa: Grün-Freaks basteln Gartenlaube in ostdeutscher Provinz im Birkenstock-Look." Warum erhebt sich weit und breit nirgends die Stimme der architektonischen Vernunft, im Sinne von: ãNaja, sie mögen ihren Spaß haben, aber für die wirklichen Aufgaben modernen Bauens ist dies kein geeignetes Modell." Warum meldet sich stattdessen das zahlreich erschienene Volk mit Äußerungen zu Wort wie: Äi, das sieht ja aus wie'n UFO!" Eine Tarantel". Nein, wie'n UFO". Eine Kathedrale, irgendwas zwischen Kraal und Kreml." Ja, sag ich doch, es hat 'was UFOartiges", Wie das Gerippe eines Tintenfischs." Ein Tintenfisch hat kein Gerippe." Guck mal, findest du nicht auch, daß das wie'n UFO aussieht?" Ein botanisches Mandala." Eine Kuchenform für Riesen?" Genau, als ob ein UFO gelandet wäre." Wie ist die eiffelturmartige Erregung angesichts eines von unbezahlten Freiwilligen innerhalb von vier Wochen gebauten, dorfgrünen Weltnaturpalasts zu erklären, dessen Herstellungskosten im Bereich eines Mittelklassewagens liegen, dessen Höhe gerademal ein sechsundfünfigstel des in Melbourne geplanten höchsten Hochhauses der Welt beträgt und dessen Kreisumfang grob einem Halbmillionstel des Äquators entspricht? Der Auerworldpalast gehört zu einem Genre von Gebilden, Gewächsen oder Gebäuden von archaischer Herkunft und mit brillanten Wachstumsraten; sie werden in den Ritzen von Kindergärten, Dorfplätzen und städtischen Veranstaltungsorten ausgesäät und ausgestaltet und schieben sich langsam aber sicher in die Wahrnehmungszonen einer durchaus angetanen Öffentlichkeit. Was den wurzelnden, wachsenden und sprießenden Kunst-Bauwerken und Baumwerken zugrunde liegt, ist ein empörend einfaches Prinzip: das des natürlichen Wachstums; zugleich offenbaren sie Konturen von komplexer Künstlichkeit. Die konstruierten Grünlawinen kommen in labyrinthischer Formenvielfalt und Formenwildheit daher, fantasiefördernd und Fantasie erfordernd, Sinnbilder für ökologischen Charme mit erlesener Struppigkeit im Detail, eine Symbiose aus Architektur, Biologie und einer dazwischen pendelnden Kreativität, für deren Manifestierung ein weiterer Naturfaktor, nämlich der Mensch, positiv unverzichtbar scheint, was ihm ja auch mal ganz gut tut. Da Weidenbauten lebende Wesen sind, haben sie keine Ornamente sondern Profil, sie haben keine Fassaden, sondern Charakter, ihr Gesichtsausdruck spiegelt Lebensweisheiten wieder, die im saisonalen Wandel von Sonne, Nebel, Schnee und Wind zwischen den Blättern und Bögen meditativ zum Himmel blinzeln. Das kann beim Besucher durchaus ein Gefühl von hymnischer Ergriffenheit hervorrufen, ein stilles, gotisches Glänzen, Sakralität ˆ la nature, doch entsteht dabei keine Distanz, denn diese Heiligtümer gestatten es, daß man lustvoll Hand an sie legt, nicht nur, weil ihre Statik robust genug ist, um ein gelegentliches Rütteln zu verkraften, sondern auch, weil ihr Wesen auf hedonistische Energiezufuhr genauso angewiesen ist, wie seine Wurzeln auf wässrigen Boden und seine Blätter auf die Photosynthese. Und was hat das alles mit dem UFO zu tun? Das UFO steht inzwischen für alles, was irgendwie uneinordbar und unkalkulierbar ist und sich trotzdem ausbreitet nach eigenen, rätselhaft-freibeuterischen Wachstumsprinzipien; auf das UFO ist überall da Verlaß, wo man sonst nichts Verläßliches zu sagen weiß. Das UFO ist ein magnetisches Vakuum, auf das sich niemand einen Reim machen, den aber jeder aufsagen kann. Und jeder ist eingeladen, mitzudichten. Das Gedicht des UFOs wuchert im kollektiven Unbewußten so kostengünstig und vital wie die Wurzeln der Weidenbäume im irdischen Untergrund. Und jeder ist eingeladen, mitzupflanzen. Kurzum: beim Thema UFO wie beim Thema Weidenrutenbau darf sich ein Profi nennen, wer es versteht, kompetent zu dilletieren. Deshalb gehören zu den Naturpalastdesignern mutig fabulierende Architekten und kosmische Kleingärtner, futuristische Brauchtumspfleger und Planetverschönerer mit Sinn für Humor, Glück und Gesundheit, also Welt- Wald- und Wiesenbürger wie du und ich. Abgesehen davon, daß wahrscheinlich die wenigsten, die das aus gebundenen Weidenruten ebenso erbaute wie erpflanzte Objekt mit einem UFO vergleichen, jemals eins gesehen haben, soll uns der auffallend häufige Vergleich ermuntern, uns auf die Spur zu begeben, um zu sehen, wohin sie uns führt. Zum Beispiel an die südamerikanische Pazifikküste im Jahre 1834. [...] |